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Dezember 2021

 

Warum Social Media für mich als Autorin nicht mehr so wichtig ist

 

Wir ertrinken in Content.

Einige Gedanken zu Bookstagram 2022, der sinkenden Aufmerksamkeit und dem steigenden Konkurrenzdruck – und last but not least dem Content Shock in der Buchszene.

 

Bild: Unsplash / Stormseeker

 

Social Media ist eine Währung, die auf dem Buchmarkt sehr viel wert ist. Bis vor ein paar Jahren wurden in Verlagsvorschauen Besonderheiten einer Geschichte als «USPs» hervorgehoben. Heute ist es die Anzahl Follower:innen der schreibenden Person. In einer Zeit, in der immer mehr Inhalte bei zeitgleich sinkender Aufmerksamkeit produziert werden, ist es wichtiger denn je, mit einer größtmöglichen Reichweite ins «Game» einzusteigen.

 

Dass immer mehr Bücher von bekannten Influencer:innen veröffentlicht werden, ist daher mehr als verständlich. Wer nicht bereits bekannt ist, führt einen viel erbitterteren Kampf um Reichweite, ob mit Verlag im Rücken oder nicht. Alles wird aggressiver, alles wird «mehr». Jeden Tag einen Post, hier ein Gewinnspiel, da ein Cover-Flashmob. Hauptsache so viel Content, dass man die Konkurrenz damit überlagert.

 

Und dieser Trend hört nicht bei Social Media auf.

 

Immer mehr und immer schneller veröffentlichen

 

Selfpublisher:innen wird geraten, ihre Bücher in einem Abstand von maximal drei Monaten zu veröffentlichen. Andernfalls verliert das Publikum das Interesse und man gerät in Vergessenheit. Auch Verlage publizieren Buchreihen in zunehmend kürzeren Kadenzen und arbeiten bevorzugt mit Autor:innen, die Folgebände im Akkord liefern. Die Angst, in der Masse von Inhalten unterzugehen, ist so groß, dass man immer schneller und immer mehr produziert. Man fällt heute nicht mehr mit Qualität auf, sondern mit Quantität. Das beschleunigt wiederum die Werbemaschinerie auf Social Media. Die Folge: Content Shock.

 

Content Shock bedeutet, dass mehr Inhalte produziert als konsumiert werden. Das Phänomen entstand, als Unternehmen bemerkten, dass mehr Content zu einer besseren Auffindbarkeit im Netz führt. Als Folge werden seither sämtliche Kanäle mit Geschichten, Artikeln, Bildern, Videos etc. überschwemmt. Will man als Autor:in oder Blogger:in auffallen, muss man also zwangsläufig in dieses Spiel einsteigen. Offenbleibt, wie lange das alles noch aufgeht. Ich persönlich hoffe ja, dass diese Blase eines Tages platzt und spannende neue Werbemöglichkeiten eröffnet. ;)

 

Keine (Inter-)Aktion ohne Anreiz

 

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber diese Situation ermüdet mich – als Autorin und Konsumentin. Es ist nicht meine Art, alle drei Monate ein Manuskript zu beenden. Auch will ich niemanden um seine oder ihre Aufmerksamkeit anbetteln müssen, nur um relevant zu sein. Ebenso wenig mag ich es, wenn mich Accounts, denen ich folge, entsprechend unter Druck setzen. Die aufgekommene Gratismentalität finde ich ebenfalls bedenklich. Buchboxen und Rezensionsexemplare waren einst etwas Besonderes. Heute gehört es einfach dazu. Selfpublisher:innen stürzen sich oft in Unkosten, um mithalten zu können. Social Media hat als Werbeplattform eine Richtung eingeschlagen, die ich für sehr ungesund halte, denn diese Plattformen bestimmen immer stärker den Wert von Produkten und deren Produzent:innen. Der Umgang mit (kostenlosen) Büchern, Goodies und anderem Content ist absolut inflationär geworden. Leider glauben viele, die Lösung der sinkenden Zielgruppenaufmerksamkeit sei es, noch mehr (Werbe-)Inhalte zu produzieren (s. Content Shock).

 

Und wie bereits erwähnt: Alles wird aggressiver. Die meisten Posts sind neuerdings mit «Pflichten» verbunden. SCHAU MICH AN. KOMMENTIER MICH. MAG MICH. KLICK AUF DIE WERBUNG, DAMIT ICH GELD VERDIENE. MACH DIES. MACH DAS. GIB MIR GEFÄLLIGST ETWAS ZURÜCK. Beachtet wird man aber oft nur noch, wenn man etwas gratis abgibt. Keine (Inter-)Aktion mehr ohne Anreiz. Der Algorithmus ist nicht immer schuld, wenn Beiträge in der Masse untergehen. Es ist die Masse, die in der Masse untergeht. Und falsche Anreize, die wir irgendwann und irgendwie kultiviert haben.

 

Versteht mich nicht falsch: Ich schätze Social Media nach wie vor als Kanal, über den man sich direkt mit seinen Leser:innen austauschen und – ja – auf seine Bücher aufmerksam machen kann. Auch Werbeaktionen, Merch-Produktionen und Verlosungen können unheimlich viel Spaß machen. Aber wie viel tun Autor:innen heute noch freiwillig – und zu was fühlen sie sich gezwungen, weil sie sich in einem immer härter werdenden Markt durchsetzen müssen?

 

Social Media (und damit Bookstagram) steht stärker denn je für Selbstinszenierung. Früher suchte man Gleichgesinnte. Heute sucht man Fans. Man hat schließlich bei anderen gesehen, was bei vielen Follower:innen und Reichweite winkt – Kooperationen, Gratis-Goodies, Buchdeals … Das Tellerwäschermärchen war nie näher als auf Instagram. Es geht daher oft nicht mehr um gute Inhalte, sondern um die Positionierung der eigenen Person. Natürlich mit Content, Content, Content. «Sei immer du selbst», solange es deiner Marke nützt.

 

Weniger ist mehr – zumindest für mich

 

2022 veröffentliche ich mehrere Bücher, allerdings wird nur auf zweien mein echter Name stehen. Alles andere schreibe ich fortan unter einem Pseudonym.

 

Dieses Pseudonym besitzt vorerst einmal kein Social Media.

 

Ich habe diese Trennlinie bewusst gezogen und bin dankbar, dass andere das akzeptieren. Schreiben und Social Media ist mittlerweile stark miteinander verwachsen – aber nicht alle Autor:innen sind für beides geschaffen. Ich mag die kleine, treue, eingeschworene Bubble, die ich mir als @rahelheftiauthor aufgebaut habe, und ich freue mich über jede:n zusätzliche:n Follower:in. aber ich werde nicht um jeden Preis um «Relevanz» kämpfen. Ganz wichtig: Es spricht nichts gegen Menschen, die das gerne tun. Ich organisiere ja selber ab und zu Lese- und Merch-Aktionen und feiere sie! Darüber hinaus gibt es unzählige Beispiele, die beweisen, dass man es nach wie vor mit hoher Qualität an die Spitze schaffen kann. Es ist nicht alles schwarz und weiß. :)

 

Aber wenn man heutzutage aggressives Social-Media-Marketing betreiben muss, um als Autorin erfolgreich zu werden, dann ist «Autorin» wohl einfach nicht mein Job. Ich werde an diesem Kampf um die eingeschränkte Aufmerksamkeit nicht teilnehmen, jedenfalls nicht mit Mitteln und Aktionen, die nur auf Quantität aus sind. Wer meine Bücher lesen oder meine Online-Beiträge teilen will, soll das aus echtem Interesse tun – und nicht, weil ich dieses Verhalten «belohne».

 

Noch einmal: Es spricht überhaupt nichts gegen Buchaktionen, viele Posts und die ein oder andere Aufforderung an seine Follower:innen, aktiv mit dem eigenen Content zu interagieren. Aber man kann nicht verleugnen, dass sich diese Spirale immer schneller dreht. Es braucht immer mehr, um als kleiner Fisch im Teich aufzufallen. Auch größere Accounts verzeichnen geringere Reichweiten als früher. Bei Werbeposts/Kooperationen brechen sie teils sogar komplett ein. Viele kündigen Stories, Posts oder Werbung mittlerweile mit einer halben Entschuldigung an aus Angst, ihre Follower:innen damit zu nerven («Sorry, dass schon wieder Werbung kommt» / «Sorry, dass ich heute so viele Stories mache» / «Nach dieser Story ist Schluss, versprochen!»).

 

Die Übersättigung ist real. Was danach kommt? Man darf gespannt sein. Ich für meinen Teil hoffe, dass sich der Buchmarkt eines Tages wieder etwas entspannt und alle Seiten einsehen, dass «mehr» nicht immer gleich «mehr» ist.

 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. ;)